Der erste Eindruck
„Die Schublade“ ist kein Buch, das man einfach von vorne bis hinten durchliest wie einen Roman. Stattdessen wirkt es eher wie eine Art Sammlung von Texten, die über viele Jahre entstanden sind – teils für bestimmte Anlässe, teils einfach aus dem Schreiben heraus. Genau das macht auch einen großen Teil des Reizes aus: Man merkt schnell, dass hier jemand sehr unterschiedliche Formen ausprobiert hat.
Die Bandbreite ist ziemlich groß. Es gibt zum Beispiel fiktive Tagebuchtexte, kurze erzählerische Stücke und auch eher nachdenkliche, fast ruhige Geschichten. Dadurch fühlt sich das Buch stellenweise wie ein Blick in eine persönliche „Text-Schublade“ an – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Was beim Lesen auffällt
Auffällig ist vor allem, wie unterschiedlich die Texte sind. Manche sind eher humorvoll und spielen mit Erwartungen, andere gehen stärker in Richtung Analyse oder wirken fast schon ernst und ruhig.
Ein gutes Beispiel dafür ist „Dienstag in Hollywood“. Dort wird die Selbstinszenierung eines Designers seiner tatsächlichen Situation gegenübergestellt. Das funktioniert ziemlich gut, weil sich beides direkt gegenübersteht und man beim Lesen merkt, wie groß der Unterschied ist.
Im „Buch der Möglichkeiten“ wird es dann etwas experimenteller. Die Idee, aus ähnlichen Assoziationen ganz verschiedene Geschichten entstehen zu lassen, zieht sich durch mehrere Texte. Das wirkt stellenweise spielerisch, aber auch ein bisschen wie ein Blick in den Schreibprozess selbst.
Dann gibt es wieder ganz andere Passagen, etwa im Bereich der Kriminalgeschichten oder der „Geschichten nach dem Einschlafen“. Dort wird die Stimmung deutlich dichter und teilweise auch düsterer.
Figuren und erzählerische Ideen
Interessant ist auch der Einsatz von erfundenen Figuren oder Alter Egos, wie etwa Justin Hearst. Dadurch entsteht eine gewisse Distanz, gleichzeitig kann der Autor aber Themen aufgreifen, die sonst vielleicht zu direkt oder zu persönlich wirken würden.
Überhaupt hat man öfter das Gefühl, dass sich hier Realität und Fiktion vermischen. Manche Texte wirken sehr nah an echten Erfahrungen, andere sind klar konstruiert – und genau dieses Wechselspiel macht einen Teil der Spannung aus.
Gesamteindruck
Das Buch wirkt insgesamt nicht wie eine geschlossene Geschichte, sondern eher wie ein Mosaik. Die einzelnen Texte stehen für sich, ergeben zusammen aber so etwas wie ein Gesamtbild – vielleicht weniger eine Handlung als vielmehr ein bestimmtes Lebensgefühl oder eine Haltung zum Schreiben.
Manchmal ist das etwas sprunghaft, aber gerade das passt auch zum Konzept. Es geht hier weniger darum, einer Linie zu folgen, sondern eher darum, verschiedene Möglichkeiten von Erzählen auszuprobieren.
Fazit
„Die Schublade“ ist kein Buch für zwischendurch, das man einfach „wegliest“. Es lohnt sich eher, sich Zeit zu nehmen und die einzelnen Texte für sich wirken zu lassen.
Besonders interessant dürfte es für Leute sein, die selbst schreiben oder sich dafür interessieren, wie Texte entstehen. Denn zwischen den Zeilen bekommt man immer wieder eine Idee davon, wie unterschiedlich Schreiben funktionieren kann.
