KI in der Literatur

Architektenwerkplatz bei Nacht

Der Autor als Architekt: Warum Künstliche Intelligenz nur die nächste Generation unserer Schreibwerkzeuge ist

Wahrscheinlich wurde noch nie einem Architekten vorgeworfen, dass sein Werk nichts tauge oder das Haus, das er geplant hat und das durch viele andere Menschen erst Wirklichkeit werden konnte, gar kein echtes Haus sei, weil er es nicht selbst gebaut hat. Mit eigenen Händen und eigenem Schweiß.

Anders verhält es sich in der Autorenszene. Wenn jemand offen zugibt KI eingesetzt zu haben, um ein Buch zu schreiben, oder es werden Anzeichen für deren Einsatz gefunden, dann ist der Teufel los. Das sei dann kein echtes Buch, man habe es sich einfach gemacht und ein Buch schreiben lassen. Vorwürfe, Anfeindungen und Missachtung schlagen einem Autor, der sich dieses hochmodernen und komplexen Werkzeugs bedient, entgegen.

Bleiben wir noch einen Moment beim Architekten. Dieser geht nicht los, schnappt sich ein paar Arbeiter und sagt dann, sie sollen ein Haus bauen. Wahrscheinlich könnten die das, nur weiß man nicht, was am Ende dabei herauskommen würde. Spätestens, wenn das Haus größer und komplexer werden soll, bedarf es nicht nur einer aufwändigen Planung, sondern auch ständiger Überwachung. Sicher wird es auch heute noch Menschen geben, die behaupten, ein Mann sei nur ein Mann, wenn er ein Haus (mit eigenen Händen) gebaut, ein Kind in die Welt gesetzt und einen Baum gepflanzt hat. Seit der Zeit, als das vielleicht noch gegolten haben mag, hat sich die Welt allerdings weitergedreht.

Auch Autoren, die dem Einsatz von KI kritisch gegenüberstehen, schreiben ihre Manuskripte nicht mehr mit Federkiel und Tinte aus dem Fass auf Pergament. Selbst die Schreibmaschine dürfte nur noch in seltenen Fällen zum Einsatz kommen und eher ein Requisit aus Zeiten sein, wo es nichts Besseres gab. Sicher wird auch kein einfacher Computer und ein simpler Texteditor verwendet, um umfangreiche Texte zu schreiben. Selbst eine Software wie MS Word wird von vielen Autoren nicht mehr verwendet, und die stellt im Vergleich zur Schreibmaschine schon Quantensprünge dar. Nein, ein großer Teil der Autoren, die den Einsatz von künstlicher Intelligenz ablehnen und jene verurteilen, die sich ihrer bedienen, nutzen die komfortablen Funktionen spezieller Software für Autoren. Spezialisierte Autorensoftware wie Papyrus Autor, Scrivener oder Patchwork geht weit über die Fähigkeiten einer klassischen Textverarbeitung hinaus. Sie ist darauf ausgelegt, den kreativen und redaktionellen Prozess zu verzahnen, um dem Autor den Kopf für die eigentliche Geschichte freizuhalten. Ich wiederhole das mal ganz bewusst: „… um dem Autor den Kopf für die eigentliche Geschichte freizuhalten“.

Da gibt es Funktionen wie Stilanalyse und Lesbarkeitsprüfung. Musste man früher den Text mehrfach laut vorlesen, Wortwiederholungen mit Textmarkern auf Ausdrucken finden und markieren und dann mit der Such-Funktion der Textverarbeitung Wort für Wort für Wort abgleichen, übernimmt das heute einfach eine Funktion des Autorenprogramms. In Echtzeit werden Wortwiederholungen, Füllwörter, hohle Phrasen, zu lange Sätze und Passivkonstruktionen farbig markiert. Eine Figuren- & Weltendatenbank gewährt mit einem Klick Zugriff auf Alter, Aussehen, Motivation der Charaktere und Namen können global einfach ersetzt werden. Der interaktive Zeitstrahl ordnet Szenen chronologisch, warnt vor logischen Überschneidungen und berechnet das exakte Alter der Figuren an jedem Tag der Geschichte. Das Struktur-Board erlaubt es, Szenen und Kapitel als virtuelle Karteikarten per Drag-and-Drop auf ihm zu verschieben, wobei der dazugehörige Text im Manuskript automatisch mitwandert. Der integrierte Profikorrektor erlaubt es nun auch Autoren ohne exzellente Kenntnis der deutschen Grammatik und ständiges manuelles Nachschlagen der komplexen Kommaregeln lesbare Texte zu verfassen. Das spart Zeit und erhöht die Qualität.

Die vielen weiteren kleinen und größeren Erleichterungen möchte ich hier gar nicht weiter auflisten, der Thesaurus ist bereits seit vielen Versionen in Word integriert.

Worauf will ich hinaus? Schon immer hat man sich arbeitserleichternder Werkzeuge bedient. Und schon immer hat es Gegner des Neuen gegeben.

Der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Max Planck formulierte in seiner 1948 veröffentlichten „Wissenschaftlichen Selbstbiografie“ seine Beobachtung, die heute in Fachkreisen oft auch als „Plancksches Prinzip“ bezeichnet wird:

„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“

So war es bei der Einführung der Fotografie, die anfangs nicht als Kunst galt, da ja die Maschine die Bilder machen würde. Synthesizer wurden in der Musik als Ende der wahren Kunst verteufelt.

Das passt, wie ich meine, auch sehr gut auf die aktuelle Situation zum Einsatz von KI durch Autoren. Das neuste und komplexeste Werkzeug vereint alle bereits erwähnten Funktionen moderner Autorensoftware und kann noch viel mehr. Die zuvor genannten Funktionen, die einem Autor das Leben erleichtern, die Qualität seines Werks erhöhen und ihn in mancherlei Hinsicht unterstützen, werden von den KI-Gegnern ganz selbstverständlich genutzt. Nur das Neue wird verteufelt. Generationen vor ihnen haben in der Verwendung dieser Tools die Gefahr der Gleichmacherei gesehen. Wenn jeder Autor den Empfehlungen der Stilanalyse nachkäme, klängen am Ende alle Bücher gleich und der individuelle „Autorenklang“ ginge verloren. Auch der Verlust des Sprachgefühls wurde befürchtet. Wenn ein Autor nicht mehr selbst spüre, dass ein Satz unrund ist, ginge das eigentliche literarische Handwerk verloren, führten Kritiker an.

Heute gilt ein unter Einsatz von Autorensoftware entstandenes Buch dennoch als „selbstgeschrieben“. Man sieht die Software als strengen Lektor, der auf Fehler hinweist. Der Autor hat jedes Wort selbst getippt.

Beim Einsatz von KI kann das anders sein – muss es aber nicht. KI kann alles sein. Ein einfaches Werkzeug, wie das einer Autorensoftware, ein Nachschlagewerk, ein Berater, ein Lektor, ein Probeleser, ein Kritiker, ein Ideengeber, und sicher noch vieles mehr. Schreibblockaden können minimiert werden, notwendige Informationen, passend zur aktuellen Szene, bereitgestellt und Formulierungen überarbeitet werden. Das und noch viel mehr kann KI für einen Autor sein. Aber sie kann auch, das ist wohl der Hauptkritikpunkt, ganze Bücher selbst schreiben. 

KI, schreib mir ein Buch!

Ganz so einfach geht es dann doch nicht. Genau wie unser Architekt am Anfang dieses Textes benötigt auch die KI einen Bauplan. Zumindest ein Thema. Gibt man der KI den Auftrag, ein Buch zum Thema XY zu schreiben, wird sie das tun. Das Ergebnis wird aber nicht besonders gut sein. Wahrscheinlich gibt sie auch maximal zwei bis vier Seiten Text aus und hält das für ein Buch. Man muss schon genauer festlegen, worum es in diesem Buch gehen soll. Man muss es unterteilen und selbst immer wieder die Ergebnisse darauf überprüfen, ob sie dem gewünschten Resultat entsprechen.

Es gibt einige Methoden, die KI dazu zu bringen, tatsächlich ein umfangreicheres Buch zu schreiben. Ja, die KI kann, mit entsprechender Führung, Bücher schreiben. 

Mittlerweile gibt es auch komplexe Systeme, die systematisch Bücher generieren. Titel eingeben, Thema und einige Details und schon erstellt das System innerhalb weniger Minuten über ein komplexes System aus mehreren KI-Agents, die sich gegenseitig überprüfen und die Ergebnisse des einen weiterverarbeiten und an den nächsten weitergeben, ein Buch, inklusive Buchcover, Klappentext und was man sonst noch braucht, um es zu veröffentlichen. Wahrscheinlich ist es sogar möglich, dieses neue Werk direkt bei KDP oder einem anderen Anbieter anzumelden.

Wenn ich mir manche aus dem Chinesischen übersetzte Anleitung zu Haushalts- oder sonstigen Geräten anschaue, würde ich mir fast wünschen, dass diese, da sich anscheinend niemand bereit erklärt, lesbare und nachvollziehbare Gebrauchsanweisungen zu erstellen, auf diesem Wege systematisch generiert werden. Sicher gibt es auch noch andere sinnvolle Einsatzgebiete für solche automatisierten Prozesse. 

Wenn KI den Buchmarkt durch automatische Produktion von Büchern überschwemmt, fragt man sich, wer das alles lesen soll. Aber sicher wird auch dieses Genre seine Leserschaft finden. Warum auch nicht?

Die Kritik am Einsatz generativer KI richtet sich an den Schaffensprozess an sich. Es geht um die Frage der Urheberschaft, fehlende emotionale Tiefe und Plagiatsfragen. Wenn eine KI nach Aufforderung mehrere Absätze eines Dialogs ausspuckt, hat der Autor den Text nicht mehr selbst formuliert und wechselt die Rolle des „Schreibers“ in die des „Regisseurs“ oder „Ideengebers“ – ist also eher Architekt statt Maurer. Da die KI selbst nicht über menschliche Emotionen verfüge, würde sie diese nur, basierend auf statistischen Wahrscheinlichkeiten, simulieren – ohne echtes Erleben, führen Kritiker an. Zum Glück, zumindest ist das zu hoffen, haben Autoren von Krimis und Thrillern nicht alles, was sie schreiben, tatsächlich selbst erlebt. Niemand muss selbst Serienmörder sein, um darüber zu schreiben und die Gedankenwelt dieser Menschen zu schildern. Auch hier wird (hoffentlich) nur von Wahrscheinlichkeiten ausgegangen.

Zum Thema Urheberschaft und Plagiat wird angeführt, KI-Modelle seien mit Millionen Texten von anderen Autoren „trainiert“ – sie haben sie also „gelesen“. Demnach seien KI-Texte lediglich ein hochkomplexes Mashup fremden geistigen Eigentums. Die KI ist uns da etwas voraus. Sie kann tatsächlich Millionen Texte lesen. Da kann man als Mensch schon etwas neidisch werden. Unser Vorrat an gelesenen Texten ist sicher deutlich geringer. Und merken können wir uns auch nicht alles. Allerdings wird sicher auch der menschliche Autor vom Gelesenen beeinflusst und wird bewusst oder unbewusst Teile davon in seinen eigenen Werken wiedergeben. Wegen der vielfach größeren Aufnahme fremden geistigen Eigentums durch eine KI sinkt allerdings die Wahrscheinlichkeit der Wiedergabe größerer Fragmente.

Nachvollziehen lässt sich die Kritik an den Tech-Konzernen, die ohne Einwilligung der Verlage und Autoren deren Werke einfach assimilierten, um Kapital aus den daraus resultierenden Ergebnissen zu schlagen. Das ist aber keine Kritik am Einsatz von KI durch Autoren.

Das Urheberrecht sieht mit KI erstellte Werke als gemeinfrei an. Das Werk ist nicht geschützt. Nimmt man aber nochmal den Vergleich zum Architekten auf, dessen Werk, seine Pläne und Skizzen seines Bauwerks, urheberrechtlich geschützt sind, dann sollte auch der Ideengeber eines KI-generierten Werkes denselben Schutz genießen. Zumindest dann, wenn der Auftrag nicht nur die Idee zum Schreiben eines Buches zu einem bestimmten Thema enthielt, wie „Schreib ein Buch zum Thema XY“, sondern detaillierte Vorgaben zu Charakterbögen, Plot-Strukturen und Worldbuilding, was einem echten, komplexen Bauplan entspräche. Von den vielen notwendigen Eingriffen und Korrekturen gar nicht zu sprechen.

Genau wie eine superteure Profi-Fotoausrüstung aus einem Menschen keinen Profifotografen und ein sündhaft teurer Synthesizer aus seinem Käufer keinen Musiker macht, garantiert der bloße Einsatz von KI keinen Bestseller. Der KI einsetzende Autor muss der Architekt seines Werkes sein und den vielen Arbeitern unterschiedlichster Gewerke, denn das ist die KI, präzise Anweisungen formulieren, Pläne erstellen und das Ergebnis immer wieder überwachen, bis das daraus wird, was ursprünglich als Idee in seinem Kopf entstand. 

Das Resultat bestimmen richtiger Einsatz und die Fähigkeit des Anwenders – auch bei künstlicher Intelligenz.

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