Eine Rezension des Romans Nachtakte Kiel 1.0 von Marco Steffens.
Der Pitch
Ein IT-Vertriebsmitarbeiter, dessen größtes Abenteuer bisher aus Druckerverträgen und missglückten Teambuilding-Abenden bestand, wacht nach einer durchzechten Nacht in einer Realität auf, die sich nicht mehr debuggen lässt. Pierre Harder wird in eine Welt gestoßen, in der Vampir-Dynamiken, Schattenwesen und eine gefährlich faszinierende Frau namens Jessy den Takt vorgeben. Was als ironischer Großstadtroman beginnt, kippt schnell in ein übernatürliches Upgrade – mit Nebenwirkungen.
Unter der Lupe
Marco Steffens legt mit Nachtakte Kiel 1.0 einen Roman vor, der sich bewusst zwischen den Genres bewegt – und genau daraus seine Energie zieht. Der Text ist keine klassische Vampirgeschichte, sondern eher ein urbanes Hybridwesen: halb Paranormal Fantasy, halb bissige Milieustudie, durchzogen von trockenem IT-Humor.
Der auffälligste Trumpf des Romans ist seine Stimme. Pierre erzählt aus einer Perspektive, die sich konsequent durch ironische Selbstkommentare, technologische Metaphern und eine fast schon resignierte Weltsicht definiert. Wenn Bewusstseinsverlust als „Systemabsturz“ oder Verwandlung als „Update“ beschrieben wird, wirkt das nicht wie ein Gimmick, sondern wie ein durchdachtes stilistisches Konzept. Diese Sprache erzeugt Tempo, Witz und eine klare Identität – und hebt das Buch wohltuend von generischer Urban Fantasy ab.
Gleichzeitig liegt hier auch eine der Reibungsflächen: Der permanente Metaphernfluss ist so dominant, dass er stellenweise die emotionale Tiefe überlagert. Leser, die auf subtilere Figurenzeichnung setzen, könnten sich gelegentlich nach ruhigeren Momenten sehnen. Doch genau diese Überzeichnung passt wiederum zur Hauptfigur – einem Mann, der seine Realität nur noch über Ironie verarbeiten kann.
Der Weltenbau entfaltet sich schrittweise und erfreulich unprätentiös. Kiel wird nicht als mystischer Hotspot inszeniert, sondern bleibt erkennbar norddeutsch – mit Förde, Kneipen und Büroalltag. Gerade dieser Kontrast macht die übernatürlichen Elemente wirksam. Bars wie das „Nocturne“ oder Figuren wie der stoische Barkeeper Jan wirken wie Risse im Alltag, nicht wie Fremdkörper. Die Welt der „Nachtakte“ scheint Regeln zu haben, doch diese werden eher angedeutet als erklärt – ein kluger Schachzug, der Neugier erzeugt, statt sie zu erschlagen.
Die Dynamik zwischen Pierre und Jessy bildet das emotionale Zentrum. Jessy ist weniger klassische Verführerin als vielmehr Katalysator – eine Figur, die gleichzeitig Bedrohung, Lehrerin und Projektionsfläche ist. Ihre Beziehung oszilliert zwischen Anziehung, Machtgefälle und echtem Interesse, ohne sich vorschnell festzulegen. Besonders gelungen ist dabei, dass Pierre trotz seiner Transformation nie zum abgeklärten Helden wird. Er bleibt ein Getriebener, dessen Unsicherheit und Sarkasmus das Geschehen erden.
Actionsequenzen – etwa die Konfrontationen mit anderen Vampiren oder Schattenwesen – sind physisch, direkt und oft überraschend brutal. Steffens verzichtet auf überladene Choreografien und setzt stattdessen auf rohe Energie. Das verleiht den Szenen Wucht, auch wenn sie gelegentlich etwas chaotisch wirken.
Interessant ist zudem die unterschwellige Thematisierung von Identität: Was passiert, wenn ein zutiefst durchschnittliches Leben plötzlich durch Macht ersetzt wird? Pierre ist kein Auserwählter im klassischen Sinne, sondern eher ein Systemfehler – und genau das macht ihn spannend.
Das IndieGuard-Fazit
Nachtakte Kiel 1.0 ist ein eigenwilliger, stilistisch markanter Auftakt, der weniger durch klassische Dramaturgie als durch Stimme und Atmosphäre überzeugt. Der Roman richtet sich an Leser, die Urban Fantasy jenseits ausgetretener Pfade suchen – mit Humor, kantigen Figuren und einem Setting, das sich bewusst dem Glamour verweigert.
Wer Lust auf eine Geschichte hat, in der ein Druckerverkäufer zum unfreiwilligen Grenzgänger zwischen Alltag und Abgrund wird, findet hier ein Werk mit Ecken, Kanten und einer klaren eigenen Frequenz.
